Werbung &
Postwachstum
Konsumkritik und Wachstumsalternativen
Von Maurice Moneke, Selma Oestringer, Eva Plank und Katharina Wild
Werbung manipuliert, treibt Konsum an und verschärft ökologische wie soziale Krisen. Abschalten lässt sie sich trotzdem nicht, denn sie ist ein zentrales Element des kapitalistischen Systems, in dem wir heute leben. Wenn wir Werbung wirklich loswerden wollen, müssen wir daher den Kapitalismus selbst infrage stellen und Alternativen jenseits des Wachstumsparadigmas schaffen.
Die Expert:innen
Johannes Jäger
ist ein österreichischer Volkswirt, der sich mit kritischer internationaler politischer Ökonomie auseinandersetzt. Er forscht zu internationaler Entwicklung sowie Wachstum und Krise. Johannes Jäger lehrt an der FH Wien und der Universität Wien.
Angelika Zahrnt
ist eine deutsche Volkswirtin und Expertin für ökologische Steuerreform und nachhaltige Entwicklung. Sie war Vorsitzende des BUND und ist Autorin des einflussreichen Buches "Postwachstumsgesellschaft".
Cha'
ist eine französische Aktivistin bei der Bewegung Résistance à l’agression publicitaire. Sie unterstützt Aktivist:innen bei Aktionen und arbeitet auf politischer Ebene mit kommunalen Entscheidungsträger:innen zusammen.
Gilles Namur
ist seit 2020 stellvertretender Bürgermeister der Stadt Grenoble. In seiner Funktion setzt er sich insbesondere für eine nachhaltige Stadtentwicklung ein.
Werbung als Konsumtreiber
Kapitalismus- und Werbekritik
Wir können uns Kapitalismus wie ein großes Uhrwerk vorstellen, das unablässig tickt. Ein Gefüge aus vielen einzelnen Zahnrädern wie Arbeit, Waren, Geld oder Daten. Jedes Rad greift ins nächste, nichts steht still. Werbung sorgt dafür, dass das Uhrwerk geschmeidig läuft, indem sie unnachgiebig dafür sorgt, Konsumbedürfnisse zu erschaffen.
Wie funktioniert das System?
Kapitalismus ist eine Wirtschaftsordnung, in der die wichtigsten Produktionsmittel wie Fabriken, Maschinen oder digitale Plattformen meist im Besitz weniger Menschen sind. Die Mehrheit der Menschen besitzt diese Mittel nicht und ist deshalb darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das zentrale Ziel des Kapitalismus ist der Gewinn, also aus investiertem Geld mehr Geld zu machen und nicht die Befriedigung von Bedürfnissen.
Unternehmen stehen im Kapitalismus im ständigen Wettbewerb zueinander: Wer nicht billiger, schneller, effizienter produziert, verliert. Wachstum ist keine Option, sondern Überlebensbedingung. Firmen müssen expandieren, neue Märkte erschließen, neue Bedürfnisse wecken.
Der Kapitalismus beruht auf stetiger Kapitalverwertung. Produzierte Waren müssen verkauft werden, damit das investierte Kapital in die Produktion mit Gewinn zurückfließt. Genau hier übernimmt die Werbung eine Schlüsselrolle, indem sie dafür sorgt, dass die Nachfrage nicht nur vorhanden ist, sondern immer weiter wächst.
Besonders wichtig ist dafür die lohnabhängige Mehrheit der Bevölkerung. Ihr Einkommen fließt über Konsum zurück in die Verwertungskreisläufe. Werbung trägt dazu bei, möglichst große Teile dieses Einkommens in Waren und Dienstleistungen zu lenken und im Idealfall sogar darüber hinaus.
Welche Rolle spielt Werbung dabei?
Auch wenn Werbung unterschiedliche Funktionen erfüllen kann – reine Information, Imagebildung oder Markenbindung –, möchte sie letztlich eines erreichen: den Absatz, also den Verkauf, zu steigern. Deshalb kann Werbung keine neutrale Information sein. Sie ist darauf ausgerichtet, Konsum zu stimulieren und Bedürfnisse zu wecken, gerne auch dort, wo vorher vielleicht gar keine Bedürfnisse existierten.
Die moderne Werbung ist eng mit der Geschichte des Kapitalismus verbunden. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann die massenhafte Produktion von Waren und damit das Problem, diese Waren auch verkaufen zu müssen. Werbung wurde die Lösung dieses Problems.
Durchschauen wir den Kapitalismus, wird deutlich, warum Werbung nicht einfach reduziert oder abgeschafft werden kann, ohne das System selbst infrage zu stellen.
Werbung und Postwachstum
Die Postwachstumsgesellschaft und welche Rolle Werbung darin spielt
Dauerhaftes Wachstum stößt auf einem endlichen Planeten an ökologische Grenzen, trägt zur Übernutzung natürlicher Ressourcen bei und zerstört somit unsere Lebensgrundlagen. Postwachstum, auch Degrowth genannt, verfolgt das Ziel, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen so zu verändern, dass sie nicht länger auf ständiges Wachstum angewiesen sind. Im Mittelpunkt stehen stattdessen: menschliches Wohlergehen, der Schutz der Umwelt und ein gerechtes Gesellschaftssystem, das nicht mehr auf Ausbeutung basiert.
In einer Postwachstumsgesellschaft verschieben sich unsere Werte. Ein zentrales Prinzip ist jenes der Suffizienz (Genügsamkeit). Die Frage: „Was brauche ich wirklich für ein gutes Leben?“ ersetzt das Streben nach immer mehr materiellem Besitz. Anstatt ständig Neues zu kaufen, rücken das Reparieren, Teilen und Wiederverwenden in den Fokus. Das Ziel ist ein „Zeitwohlstand“ – weniger Lohnarbeit bedeutet mehr Zeit für Freunde, Familie, Hobbys und politisches Engagement. Glück wird hier nicht über Konsum definiert, sondern über tragfähige soziale Beziehungen, ein Leben in Würde und Zeit für Dinge, die einem wirklich wichtig sind.
Was würde das für die Werbung bedeuten?
Aus Sicht der Postwachstumsbewegung ist die enge Verbindung zwischen Werbung und Wirtschaftswachstum problematisch: Wenn der Ressourcenverbrauch sinken soll, kann eine Wirtschaftsweise, die auf permanente Konsumsteigerung setzt, nicht fortbestehen.
Angelika Zahrnt, eine der prägenden Stimmen der Postwachstumsdebatte im deutschsprachigen Raum, bringt es auf den Punkt: Da unbegrenztes Wachstum weder möglich noch wünschenswert ist, wirkt Werbung, die ständig zu mehr Konsum anregt, postwachstumsschädlich. Sie verstärkt jene Dynamik, die Degrowth eigentlich überwinden will.
Werbung als strukturelles Problem
Aus postwachstumspolitischer Perspektive geht es dabei nicht nur um individuelle Kaufentscheidungen. Natürlich kann jede Person für sich entscheiden, ein Produkt nicht zu kaufen. Doch Werbung wirkt auf einer strukturellen Ebene: Sie prägt Alltagskulturen, Stadtbilder, soziale Normen und Vorstellungen davon, was als „normal“ oder „erstrebenswert“ gilt.
Uwe Schneidewind und Angelika Zahrnt beschreiben in ihrer Publikation Damit gutes Leben einfacher wird Werbung als einen wichtigen Mechanismus, der Überkonsum erzeugt und aufrechterhält und damit suffiziente Lebensstile systematisch erschwert. Besonders deutlich zeigt sich das im öffentlichen Raum. Plakate, Leuchtreklamen und Bildschirme verwandeln Städte in permanente Konsumzonen. Selbst Orte, die eigentlich der Erholung, Begegnung oder Mobilität dienen, sind durchzogen von Kaufaufforderungen. In einer Postwachstumsgesellschaft stellt sich daher auch die Frage: Wem gehört der öffentliche Raum und welchem Zweck soll er dienen?
Werbung neu denken
In einer Postwachstumsgesellschaft würde Werbung nicht vollständig verschwinden, aber ihre Rolle grundlegend verändern. Statt Konsum immer weiter anzukurbeln, könnte die Informationsvermittlung über Langlebigkeit, Reparierbarkeit oder ökologische Auswirkungen von Produkten in den Vordergrund rücken. Verbraucherpolitik hätte dann das Ziel, Menschen zu mündigen Entscheidungen zu befähigen, inklusive der Entscheidung, nichts zu kaufen. Gleichzeitig würden nicht-kommerzielle Alternativen gestärkt: gemeinschaftliche Nutzung, Kultur oder Gesundheitsinformation.
Aus postwachstumspolitischer Sicht gilt: Wer die Wachstumsdynamik brechen will, muss auch jene Mechanismen verändern, die sie täglich antreiben. So auch Werbung. Nicht durch einen autoritären Schnitt, sondern durch einen demokratischen, schrittweisen Umbau unserer Konsumkultur.
Demokratie, Freiheit und Manipulation
Kritiker:innen von werbeeinschneidenden Maßnahmen warnen vor Eingriffen in die individuelle Freiheit und die freie Meinungsbildung. Tatsächlich wirft eine Regulierung von Werbung wichtige demokratische Fragen auf: Wer entscheidet, welche Werbung erlaubt ist? Wo verläuft die Grenze zwischen Information und Manipulation?
Postwachstumsbefürworter:innen halten dagegen, dass Werbung selbst ein zutiefst undemokratisches Instrument ist. Johannes Jäger argumentiert, dass Menschen heute permanent manipulativen Prozessen ausgesetzt sind. Vor diesen müsse man die Gesellschaft schützen: „Eigentlich ist es undemokratisch, dass Menschen solchen manipulativen Prozessen im Interesse der Kapitalakkumulation einiger weniger unterworfen sind.“ Besonders in Zeiten digitaler, personalisierter Werbung, etwa in sozialen Medien, werden Konsumentscheidungen gezielt beeinflusst, oft ohne dass sich die Betroffenen dessen bewusst sind. Eine demokratische Gesellschaft müsse daher nicht jede Form von Werbung schützen, sondern ihre Bürger:innen vor übermäßigem Konsumdruck bewahren.
Wie kommen wir jetzt schon in diese Richtung?
Entgegen dem Vorwurf realitätsferner und radikaler Forderungen im Degrowth-Diskurs geht es der Postwachstumsbewegung bei Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems nicht um ein sofortiges Totalverbot von Werbung. Ein solcher Schritt würde nicht nur auf massiven Widerstand stoßen, sondern auch schnell als autoritär wahrgenommen werden. Stattdessen plädiert Angelika Zahrnt für ein schrittweises Zurückdrängen von Werbung durch entsprechende politische Rahmenbedingungen.
Ein zentraler Hebel liegt dabei etwa im Steuerrecht. Heute können Unternehmen ihre Werbeausgaben in großem Umfang steuerlich absetzen. Werbung wird also indirekt staatlich mitfinanziert. Eine Begrenzung oder Abschaffung dieser Absetzbarkeit würde Werbung verteuern und die gigantischen Werbebudgets vieler Konzerne reduzieren. Das wäre ein vergleichsweise moderater Eingriff, der dennoch große Wirkung entfalten könnte.
Darüber hinaus werden gezielte Werbeverbote für besonders problematische Bereiche diskutiert. Beispiele dafür gibt es bereits: Werbung für Tabakprodukte oder gezielte Werbung an Kinder ist in vielen Ländern eingeschränkt oder verboten. Schweden geht noch weiter und untersagt Kinderwerbung im Fernsehen vollständig.
Schneidewind und Zahrnt nennen auch die brasilianische Metropole São Paulo als Vorbild: Dort wurde Außenwerbung großteils aus dem Stadtbild verbannt, mit dem Ergebnis, dass die Stadt heute als lebenswerter und ästhetischer wahrgenommen wird, ohne dass der Konsum zusammengebrochen wäre.
Auch wir haben uns mit Initiativen und Entscheidungsträgerinnen auseinandergesetzt, die sich innerhalb des gegenwärtigen kapitalistischen Systems gegen kommerzielle Werbung einsetzen. Dabei haben wir mit dem stellvertretenden Bürgermeister der werbefreien Stadt Grenoble sowie mit Aktivist:innen der französischen Bewegung Résistance à l’agression publicitaire gesprochen.
Initiativen gegen kommerzielle Werbung
Grenoble
Werbung ist im öffentlichen Raum besonders umstritten. Da wir sie nicht einfach abschalten können, drängt sie sich uns förmlich auf.
Gleichzeitig profitieren Städte finanziell davon, ihre Bewohner:innen und Besucher:innen gezielt zum Konsum anzuregen.
Weltweit gibt es bislang nur zwei Städte, die sich entschieden haben, kommerzielle Werbung im öffentlichen Raum flächendeckend einzuschränken: São Paulo und Grenoble.
Wir haben mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Grenoble, Gilles Namur, gesprochen und sind dabei den Fragen nachgegangen, warum sich die Stadt für diesen Schritt entschieden hat, welche Herausforderungen damit verbunden waren und welche Hürden anderen Städten generell im Weg stehen.
Über das Gespräch mit Gilles Namur berichten Katharina und Selma in einem gemeinsamen Podcast.
R.A.P.
Werbung begegnet uns überall, im öffentlichen wie im digitalen Raum. Sie transportiert sexistische und rassistische Darstellungen, vermittelt normative Schönheitsideale und regt zum Konsum gesundheitsschädlicher Produkte an.
Durch die Anregung zum Konsum treibt sie Produktion voran und trägt zur Ausbeutung von Menschen sowie zur Zerstörung der Umwelt bei.
Gegen diese allgegenwärtige Werbepräsenz richtet sich RAP, die französische Bewegung Résistance à l’agression publicitaire.
Wir haben mit Cha‘ gesprochen, die ihr bereits aus dem vorherigen Video kennt. Sie gibt Einblicke in die Struktur der Bewegung und ihre Aktionsformen.
Außerdem haben wir uns mit der lokalen Ortsgruppe aus Lyon ausgetauscht, die uns durch die Bilder einen Eindruck ihrer Protestaktion vermittelt.
Weitere Initiativen für eine werbefreie Zukunft
Das Leopold Museum Wien beendete die Sponsoringbeziehung zum Öl- und Gaskonzern OMV – ein deutliches Zeichen gegen fossile Werbung im Kulturbereich.
Das Leopold Museum Wien beendete die Sponsoringbeziehung zum Öl- und Gaskonzern OMV – ein deutliches Zeichen gegen fossile Werbung im Kulturbereich.
GOOD ist eine werbefreie Suchmaschine aus dem deutschsprachigen Raum, die sich über Mitgliedschaften finanziert und ein Alternativmodell zeigt.
GOOD ist eine werbefreie Suchmaschine aus dem deutschsprachigen Raum, die sich über Mitgliedschaften finanziert und ein Alternativmodell zeigt.
Berlin Werbefrei setzt sich für ein neues Werberegulierungsgesetz in Berlin ein. Damit das Gesetz im Abgeordnetenhaus zur Abstimmung gebracht werden kann, werden bis zum 8. Mai 2026 insgesamt 240.000 Unterschriften benötigt.
Berlin Werbefrei setzt sich für ein neues Werberegulierungsgesetz in Berlin ein. Damit das Gesetz im Abgeordnetenhaus zur Abstimmung gebracht werden kann, werden bis zum 8. Mai 2026 insgesamt 240.000 Unterschriften benötigt.
Degrowth Vienna ist ein Kollektiv von Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen, das die Degrowth‑Perspektive in politische, gesellschaftliche und akademische Debatten in Wien einbringt.
Degrowth Vienna ist ein Kollektiv von Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen, das die Degrowth‑Perspektive in politische, gesellschaftliche und akademische Debatten in Wien einbringt.
Bilder aus dem werbefreien Grenoble
Bilder von R.A.P.-Aktionen in Lyon
Quellen
Binswanger, Mathias (2019): Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley-VCH Verlag, Weinheim.
Herrmann, Ulrike (2017): „Das Kapital" und seine Bedeutung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.
Herrmann, Ulrike (2017): „Das KapitalBedeutung. n: Auik und Zeitgeschichte (APuZ) Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.
Heun, Thomas (2017). Werbung (Lehrbuch). Wiesbaden: Springer Gabler.
Knoche, Manfred. (2005). Werbung - ein notwendiges „Lebenselixier“ für den Kapitalismus: Zur Kritik der politischen Ökonomie der Werbung (2005).
Schneidewind, Uwe/ Zahrnt, Angelika (2013): Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik. München: oekom Verlag.
Seidl, Irmi/ Zahrnt, Angelika (2012): Damit einfacher leben einfacher wird. Umwelt aktuell. https://backend.dnr.de/sites/default/files/Publikationen/umwelt_aktuell/ua2012-10.pdf
Schmelzer, Matthias/ Vetter, Andrea (2019): Degrowth/Postwachstum. Hamburg: Junius
Bildquellen
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Müll am Straßenrand |
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Müllhaufen Nigeria |
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Müll im Wasser Nigeria |
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Müll im Bach 1 |
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Müll im Bach 2 |
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Cyborg Roboter |
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Sale-Leiste (neu) |
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Hirn-Daten-Scan (neu) |
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Mehr Informationen zu Postwachstum
Was ist Postwachstum genau?
Postwachstum ist sowohl eine globale Bewegung als auch eine Vision für eine Gesellschaft jenseits des Wachstumszwangs. Die Grundidee ist simpel: Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kann es kein unendliches wirtschaftliches Wachstum geben. Statt den Erfolg einer Gesellschaft nur am Geldwert aller produzierten Waren, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), zu messen, schlägt Degrowth andere Parameter vor, wie etwa die Qualität von Gemeinschaft, soziale Gerechtigkeit und Zeit für Familie, Erholung und gesellschaftliches Engagement. Das Ziel ist eine Gesellschaft, die sich nicht auf wirtschaftliche Kennzahlen stützt, sondern auf das Wohl aller Menschen ausgerichtet ist.
Wichtig zu verstehen ist, dass Postwachstum keine unkontrollierte Krise bedeutet, in der die Wirtschaft unfreiwillig schrumpft und Arbeitslosigkeit auslöst. Vielmehr geht es um einen geplanten, demokratischen Prozess, bei dem Produktion und Konsum in den reichen Ländern des Nordens bewusst reduziert werden, ohne die soziale Sicherheit der Menschen zu gefährden.
Wie die Umsetzung einer Postwachstumsgesellschaft gelingen kann
Um diese Werte zu den Parametern für den Erfolg unserer Gesellschaft zu machen, muss das aktuelle kapitalistische System so umgestaltet werden, dass es gezielt schrumpfen kann. Dazu verfolgen Postwachstum-Befürworter:innen zwei zentrale Strategien:
1. Gezielter Rückbau schädlicher Sektoren
Bereiche, die ökologisch schädlich, aber nicht lebensnotwendig sind – wie die Produktion von SUVs, die Werbeindustrie, Privatjets oder die Rüstungsindustrie –, sollen eingeschränkt werden.
2. Stärkung des Gemeinwohls
Gleichzeitig sollen Bereiche wie Bildung, Pflege, öffentlicher Nahverkehr und regenerative Landwirtschaft ausgebaut werden. Um soziale Sicherheit zu garantieren, schlägt die Bewegung Maßnahmen wie eine Arbeitszeitverkürzung (z. B. auf 15 Stunden pro Woche), ein Maximaleinkommen für Superreiche und eine universelle Grundversorgung vor. Zugang zu Wohnraum, Internet und Mobilität soll für alle Menschen sichergestellt werden, damit jede Person am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.
Warum „Grünes Wachstum“ nicht ausreicht
Viele Postwachstumsgegner:innen halten das Konzept des „Grünen Wachstums“ – also Wachstum basierend auf erneuerbaren Energien und effizienten Technologien – für den besseren Weg und werfen der Degrowth-Bewegung vor, das Potenzial von Innovationen zu unterschätzen. Es wird argumentiert, dass eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch durch effizientere Technologien bereits im Gange ist und durch Investitionen weiter beschleunigt werden kann. Für den Umbau zu einer nachhaltigen Wirtschaft seien aber enorme Investitionen in neue Technologien nötig, die in einer schrumpfenden Wirtschaft nicht zu finanzieren wären.
Die Postwachstumsbewegung hält die Idee von Green Growth jedoch für eine gefährliche Illusion. Zwar sinkt in manchen Ländern wegen grüner Energien der CO₂-Ausstoß trotz Wachstum, jedoch viel zu langsam, um die Klimaziele rechtzeitig zu erreichen. Neue, grüne Techniken allein reichen nicht: Wenn Geräte effizienter werden, nutzen wir sie oft mehr oder kaufen „bessere” Modelle – etwa einen neuen SUV mit sparsamerem Motor –, was den Spareffekt wieder auffrisst. Man nennt das auch Rebound-Effekt. Technik löst das Problem des massiven Material- und Wasserverbrauchs nicht.
Warum leben wir noch nicht in einer Postwachstumsgesellschaft?
Obwohl klar ist, dass wir durch unsere aktuelle Lebensweise die planetaren Grenzen überschreiten, stecken wir in der Wachstumsfalle fest. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem funktioniert wie eine Maschine, die auf ständigen Profit und Wettbewerb programmiert ist. Wer nicht wächst, geht unter. Zudem sind unsere Sozialsysteme (wie Pensionen und Gesundheit) derzeit direkt an Steuereinnahmen aus Wachstum gekoppelt. Das macht es so schwierig, Postwachstum Realität werden zu lassen.
Ein weiteres Hindernis ist die Angst: Viele Menschen fürchten den Verlust von Sicherheit oder einen evolutionären Rückschritt. Die Politik scheint oft unfähig, diese tiefen Widersprüche aufzulösen.
Wo stehen wir heute?
Bisher funktioniert noch kein Staat vollständig nach dem Konzept einer Postwachstumsgesellschaft, aber die Ideen wandern immer mehr vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Im Mai 2023 diskutierte das EU-Parlament auf der „Beyond Growth“-Konferenz über Wirtschaftsweisen jenseits des Wachstums. Städte wie Amsterdam arbeiten an einer Kreislaufwirtschaft, und Länder wie Neuseeland orientieren ihr Budget bereits an Gemeinwohl-Indikatoren statt nur am BIP.
Kein Sprung ins Ungewisse, sondern eine Reise
Dabei gilt es zu betonen, dass Degrowth nicht als plötzliche Revolution verstanden wird, sondern als eine Reise oder Suchbewegung. Es geht darum, im Hier und Jetzt schrittweise Alternativen aufzubauen – wie Genossenschaften oder Reparatur-Cafés – und den Staat durch demokratische Prozesse wie Bürgerräte zum Umsteuern zu bewegen. Es ist ein Prozess des Lernens und Umsteuerns, um die Wirtschaft nach und nach vom Wachstumszwang zu befreien.
Unsere heutige Wirtschaft gleicht einem Flugzeug, das ständig beschleunigen muss, um nicht abzustürzen. Das ist extrem gefährlich. Postwachstum ist der Versuch, dieses Flugzeug, noch bevor der Treibstoff der Erde ausgeht, sicher zu landen. Und es in ein Segelschiff umzubauen: langsamer, aber dafür sicher und im Einklang mit der Natur, bevor die ökologischen Grundlagen kollabieren.