Wachsen lassen: Neue Wege für die Landwirtschaft
Wie Postwachstum den Boden für die Zukunft der Ernährung bereitet.
Die heutige Landwirtschaft steht sinnbildlich für die Logik des Kapitalismus
Unsere Landwirtschaft ist fest in der kapitalistischen Wachstumslogik verankert: mehr Ertrag, mehr Effizienz, mehr Profit – auf Kosten von Menschen und Natur. Können wir uns von diesem System lösen? Die Degrowth-Bewegung stellt genau diese Frage und zeigt, dass Landwirtschaft auch anders geht: regionaler, nachhaltiger und vor allem fairer. Es geht nicht darum, immer mehr zu produzieren, sondern darum, die Art und Weise, wie wir mit Ressourcen umgehen, grundlegend zu verändern. Eine Landwirtschaft, die den Planeten nicht zerstört, sondern schützt.
Der Verlust von Wäldern durch landwirtschaftliche Expansion zeigt die Grenzen eines wachstumsorientierten Systems. Immer mehr Flächen werden für die Produktion von Gütern erschlossen, die unseren Überkonsum und globalisierten Lebensstil antreiben.
Die Grafik links zeigt in rot den Flächenverlust durch landwirtschaftliche Warenproduktion.
Diese Praxis ist nicht nur ökologisch zerstörerisch, sondern auch tief verwurzelt in den Strukturen eines Systems, das Profit über Nachhaltigkeit stellt.
Wälder müssen weichen, um Monokulturen wie z.B. Soja, Palmöl oder Mais anzubauen – Rohstoffe, die oft gar nicht direkt der Ernährung dienen, sondern der Massentierhaltung, der Bioenergie oder dem Export in Industrienationen. Diese Flächenexpansion ist kein Ausdruck von "Notwendigkeit", sondern das Ergebnis einer systemischen Fehlentwicklung, in der Wachstum und Konsum unreflektiert priorisiert werden.
Wenn Wälder verschwinden, geht nicht nur wertvolle Biodiversität verloren – Wälder sind Lebensräume, Wasserspeicher und Klimaregulatoren. Aus der Degrowth-Perspektive geht es um mehr als "nur" Folgen für die Umwelt.
Es geht um eine grundlegende Frage: Warum nehmen wir der Erde mehr, als sie regenerieren kann, und für wen? Das stetige Abholzen beraubt nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt ihrer Lebensgrundlage, sondern zerstört auch Gemeinschaften, die im Einklang mit der Natur leben. Indigene werden vertrieben, lokale Ökosysteme kollabieren. Der Menschheit als Ganzes fehlt der Respekt vor natürlichen Grenzen.
Postwachstum (oder Degrowth) fordert eine radikale Umkehr: Weg von der Illusion, dass immer mehr immer besser ist. Stattdessen können wir uns fragen, wie Landwirtschaft und Ernährung in ein System eingebettet werden können, das auf Suffizienz und Solidarität basiert. Weniger Fleisch und Milchprodukte bedeuten weniger Druck auf Wälder, die für Futteranbau weichen müssen. Regenerative Anbaumethoden können Landwirtschaft und Natur in Einklang bringen. Kleinbäuerliche Strukturen fördern lokale Versorgung und mindern die Abhängigkeit von globalen Märkten, die großflächige Monokulturen vorantreiben. Postwachstum bedeutet, den Wachstumsgedanken zu überwinden und eine Welt zu gestalten, in der wir weniger nehmen, um mehr zu bewahren.
Die wachstumsbasierte Landwirtschaft trägt erheblich zur sozialen Ungleichheit bei, vor allem durch die Konzentration von Landbesitz in den Händen weniger Großbetriebe und Agrarkonzerne.
Kleine und mittlere Bauernhöfe haben kaum eine Chance, mit den niedrigen Preisen und der Effizienz der industriellen Landwirtschaft mitzuhalten. Häufig werden sie durch steigende Pachten, Landgrabbing oder die Marktmacht großer Konzerne verdrängt. Dies führt nicht nur dazu, dass ländliche Gemeinschaften ihre Lebensgrundlage verlieren, sondern auch, dass Arbeitsplätze in der Landwirtschaft abgebaut werden.
Während Großbetriebe von Subventionen und Technologien profitieren, bleibt für kleinere Betriebe oft nur wenig Unterstützung. Gleichzeitig verstärkt die zunehmende Globalisierung der Agrarmärkte die Abhängigkeit von internationalen Handelsstrukturen, was die lokale Ernährungssouveränität weiter gefährdet. Diese Entwicklungen vertiefen die soziale Kluft zwischen großen Produzenten*Innen und kleinen Bauern und Bäuer*Innen, die immer häufiger aufgeben müssen, und fördern die Abhängigkeit von wenigen mächtigen Akteuren im Agrarsektor. Der Verlust kleiner Höfe geht jedoch weit über wirtschaftliche Fragen hinaus – er betrifft auch kulturelle Vielfalt, regionale Identität und die Resilienz lokaler Gemeinschaften.
Franziskus Forster beschäftigt sich seit Jahren beruflich mit den Problemen der heutigen Landwirtschaft. Davon ausgehend setzt er sich für Alternativen und Visionen ein um ein Gutes Leben für alle zu ermöglichen.
Als politischer Referent und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei der Österreichischen Berg und Kleinbäuer*Innen Vereinigung (ÖBV), leistet er wichtige Arbeit, um Ernährungssouveränität und somit eine gerechtere Welt für alle zu schaffen. Zusätzlich gibt er sein Wissen als Universitätslektor an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) weiter.
In einem Interview spricht er mit uns über die Herausforderungen und Chancen einer Postwachstumslandwirtschaft. Dabei beleuchtet er, wie das Wachstumsdogma die heimische Landwirtschaft beeinflusst, welche Alternativen es gibt und wie ein Wandel hin zu nachhaltigen, agrarökologischen Ansätzen möglich ist. Im Zentrum seiner Argumentation stehen Ernährungssouveränität, die Förderung kleinbäuerlicher Strukturen und die Notwendigkeit, soziale und ökologische Werte in der Landwirtschaft neu zu definieren.
Mögliche Wege...
Photo by Leo Perkins on Unsplash
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Photo by Zosia Szopka on Unsplash
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Solidarische Landwirtschaft
Beispiel Ouvertura
So funktioniert die Solidarische Landwirtschaft
Die solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) ist mehr als nur ein landwirtschaftliches Modell – sie ist eine Bewegung, die Landwirtschaft neu denkt. Solidarische Landwirtschaften, oder auch Community Supported Agriculture (CSA) genannt, gibt es in Österreich seit über 10 Jahren.
Produzierende und Konsumierende schließen sich zu einer festgelegten Gruppe zusammen, um den Betrieb nicht nur zu finanzieren, sondern aktiv mitzugestalten. Statt Lebensmittel als bloße Ware zu betrachten, steht bei der solidarischen Landwirtschaft die Wertschätzung gemeinsamer Arbeit und der sorgsame Umgang mit natürlichen Ressourcen im Mittelpunkt.
Das Konzept folgt klaren Prinzipien: Die Unterstützung kleinbäuerlicher Wirtschaftsformen schützt vor dem Druck der kapitalistischen Zwänge und ermöglicht eine nachhaltige und vielfältige Produktion. Transparenz in Herkunft und Produktionsbedingungen ist ebenso wichtig wie die Erhaltung traditioneller Nutzpflanzen- und Tierrassen. Mitglieder teilen dabei nicht nur die Freude über reiche Ernten, sondern auch das Risiko von Ernteausfällen und die Finanzierung des Betriebs – solidarisch und gemeinschaftlich.
Ein entscheidender Unterschied zum herkömmlichen Marktsystem ist das Beitragsmodell: Bei solidarischer Landwirtschaft zahlen Mitglieder einen fairen Fixbeitrag oder einen selbstgewählten Solidarbeitrag, der es Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen ermöglicht, teilzunehmen. Durch freiwillige Mitarbeit und gemeinsame Aktivitäten wird die Trennung zwischen Produzierenden und Konsumierenden aufgebrochen. So wird Landwirtschaft nicht nur ökologisch und sozial verträglich gestaltet, sondern für alle erlebbar gemacht.
Ouvertura
Der Verein Ouvertura aus Moosbrunn/Niederösterreich ist ein herausragendes Beispiel für dieses Modell in Österreich. Das Angebot bei Ouvertura umfasst frische Eier, Getreide, Honig, Pilze und Obst, aber auch Verarbeitetes, wie Nudeln, Eintöpfe, Marmeladen, Sugos und Co. Statt Kunden, die diese qualitativ hochwertigen Produkte kaufen, gibt es hier Mitglieder, die als „Hofteiler*innen“ bezeichnet werden. Sie finanzieren den Betrieb nicht nur, sondern helfen auch tatkräftig mit und teilen sich die Ernte, die Arbeit, aber auch das Risiko. Das Beispiel Ouvertura zeigt, dass radikal ökologische Lebensmittelversorgung keine exklusive Angelegenheit ist, sondern eine solidarische Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit.
Wer Ouvertura ist und welchen Unterschied es zwischen der kapitalistischen Produktionsweise im Vergleich zur solidarischen Landwirtschaft gibt, erklärt Lorenz Glatz, Vorstandsmitglied von Ouvertura, im folgenden Video genauer:
Solidarische Landwirtschaft Ouvertura: Barbaras Einblicke
In einer Zeit, in der das Streben nach Wachstum und Gewinnmaximierung die Landwirtschaft zunehmend zu einem hochspezialisierten Industriezweig gemacht hat, bietet die solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) Ouvertura also eine vielversprechende Alternative. Sie zeigt, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen kann: nachhaltig, gemeinschaftlich und im Einklang mit den Prinzipien des Postwachstums. Barbara, eine engagierte Mitgestalterin bei Ouvertura, kümmert sich vor allem um den Gemüseanbau und die Hühner. Für sie ist das Projekt nicht nur eine Möglichkeit, Lebensmittel zu auf nachhaltige Weise zu produzieren, sondern auch ein Experiment, wie (Land-)wirtschaft und Gesellschaft neu gedacht werden können.
Postwachstum: Landwirtschaft jenseits des Wachstumsgedankens
Das Konzept des Postwachstums ist tief in der Philosophie von Ouvertura verankert. „Wachsen um jeden Preis ist im Konzept der solidarischen Landwirtschaft einfach nicht mehr essenziell, wir hebeln diese Logik aus“, sagt Barbara. Statt auf Expansion setzt Ouvertura auf eine Landwirtschaft, die sich innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen weiterentwickelt. Das bedeutet, Qualität und Diversität in den Vordergrund zu stellen, anstatt Erträge oder Flächen maximal auszudehnen. „Wir wollen keinen Hühnerstall mit Hunderten Tieren oder monokulturell bewirtschaftete Felder. Im Zusammenhang mit Postwachstum wollen wir eine Landwirtschaft, die sich zwar weiterentwickelt, aber nicht zwangsläufig über gewisse Grenzen hinausgehen muss“, erklärt sie. Diese Haltung zeigt, dass Ouvertura Landwirtschaft nicht als bloße Produktionsmaschinerie versteht, sondern als System, das im Einklang mit der Natur und den Bedürfnissen der Menschen steht.
Das Konzept des Postwachstums, das sich gegen das Prinzip der grenzenlosen Expansion wendet, bietet eine grundlegende Neuausrichtung. Es geht darum, Ressourcen zu schonen und nachhaltige Lebensweisen zu fördern. Ouvertura zeigt, wie dieser Ansatz konkret umgesetzt werden kann – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern als Modell für eine nachhaltigere Gesellschaft.
Gemeinschaft als Fundament der solidarischen Landwirtschaft
Ein zentrales Merkmal von Ouvertura und anderen SoLaWis ist die enge Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden. „Bei einer solidarischen Landwirtschaft arbeiten Konsumierende und Produzierende auf einer ganz anderen Ebene zusammen, wodurch auch Machtverhältnisse aufgebrochen werden“, erklärt Barbara. Diese neue Form der Zusammenarbeit schafft nicht nur Transparenz, sondern auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Die Mitglieder von Ouvertura sind keine Kunden, die Gemüsekisten zu einem fixen Preis erwerben. Sie sind aktiv in den Produktionsprozess eingebunden – sei es durch Mitgestaltung und -arbeit, Hofbesuche oder den direkten Austausch mit den produzierenden Mitgliedern. „Wir haben - ganz bewusst - eine überschaubare Anzahl an Mitgliedern. Das heißt, dass es auch immer wieder Austausch, Kommunikation gibt, wenn Leute zum Hof kommen. Und da merke ich, wie wir in diesem Sinne schrittweise wachsen“, berichtet Barbara.
Durch diese enge Zusammenarbeit entsteht ein Modell, das weit mehr ist als ein wirtschaftlicher Austausch. „In der solidarischen Landwirtschaft produzieren wir nicht nur Lebensmittel, wir sind kein gewöhnliches Gemüsekisterl-Abo – das ist ein ganz, ganz wichtiger Unterschied.“ Ouvertura schafft eine Verbindung zwischen Menschen und Lebensmitteln, die in herkömmlichen Produktions- und Konsummodellen oft verloren geht.
Gesellschaftliche Visionen: Ernährung als Gemeingut
Für Barbara und das Team von Ouvertura ist die Landwirtschaft untrennbar mit gesellschaftlichen Fragen verbunden. „Wir fragen nicht nur danach, wie wir produzieren möchten, sondern auch, welche Gesellschaft wir haben wollen“, betont sie. In ihrer Vision ist die Versorgung der Bevölkerung nicht länger von Marktlogiken abhängig, sondern ein solidarisches Grundprinzip, das alle Menschen mit gesunden Lebensmitteln versorgt – unabhängig von ihrem Einkommen.
„Es reicht nicht, den Menschen nur notwendige Kalorien beispielsweise in Form von Junkfood anzubieten. Es ist wichtig, dass sich die Menschen gesund und ihren persönlichen Vorlieben entsprechend ernähren können“, sagt Barbara. Sie kritisiert, dass das kapitalistische System trotz Überproduktion immer noch Hunger und Mangel erzeugt. „Wir produzieren mehr Lebensmittel als je zuvor und trotzdem hungern extrem viele Menschen. Dieses Konzept geht nicht auf.“
Ouvertura versucht, Antworten auf diese Herausforderungen zu geben. Das Projekt gibt beispielhaft vor, dass eine andere Art der Nahrungsmittelversorgung möglich ist – eine, die sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig ist.
Produktivität neu gedacht: Effizienz durch Nachhaltigkeit
Die Landwirtschaft bei Ouvertura zeigt, dass Produktivität nicht zwangsläufig mit industriellen Methoden und hohen Erträgen gleichzusetzen ist. „Es gibt viele Studien, die belegen, dass auch eine biologische Landwirtschaft die Weltbevölkerung ernähren kann“, erklärt Barbara. Doch sie betont, dass nicht jede biologische Bewirtschaftung wirklich nachhaltig ist: „Es stellt sich die Frage, welche Kennzahlen man sich anschaut.“
Ein wichtiger Aspekt ist der energetische Input. „Unsere Landwirtschaft ist tausendmal effizienter als jedes monokulturelle System, weil da pro Hektar viel mehr Energie reingesteckt werden muss, als mit den Lebensmitteln herauskommt“, sagt Barbara. Bei Ouvertura wird bewusst auf synthetische Düngemittel und andere energieintensive Hilfsmittel verzichtet. Das Ergebnis ist ein Kreislaufsystem, das mit minimalen Ressourcen maximale Ergebnisse erzielt: „Wir haben im Vergleich zur konventionellen oder monokulturellen Biolandwirtschaft fast keine Verschwendung und daher einen viel besseren Output“, betont Barbara. Sie fordert, Kennzahlen in der Landwirtschaft neu zu definieren und dabei ökologische und soziale Faktoren stärker zu berücksichtigen.
Sinnstiftende Arbeit statt Fließbandmentalität
Ein zentraler Aspekt der solidarischen Landwirtschaft ist die Schaffung von sinnstiftender Arbeit. „Natürlich kann eine diversifizierte, kleinstrukturierte Landwirtschaft eine Gesellschaft ernähren, aber sie ist arbeitsintensiver“, gibt Barbara zu. Doch diese Intensität sieht sie nicht als Problem, sondern als Chance. „Wir schaffen wertschätzende, interessante Arbeit, die nichts mit monotoner Fließbandarbeit zu tun hat“, erklärt sie.
Barbara kritisiert die Abhängigkeit der konventionellen Landwirtschaft von migrantischen Billigarbeitskräften. „Das jetzige System funktioniert nur, weil man migrantische Arbeitskräfte ausbeutet, die mit ihren Billiglöhnen in ihre Heimatländer zurückkehren, um dort irgendwie über die Runden zu kommen.“ Ouvertura möchte ein Gegenmodell bieten, das für seine Mitarbeitende fair und wertschätzend ist.
„Unsere Mission ist es, aufzuzeigen, dass es anders geht“, sagt Barbara. Die Arbeit bei Ouvertura ist nicht nur körperlich anspruchsvoll, sondern erfordert auch Kreativität und Fachwissen. „Hier überlegt man viel, wenn man am Feld arbeitet. Man schaut sich die Pflanzen an und überlegt, welche Synergieeffekte es gibt.“ Diese Verbindung von praktischer Arbeit im Freien und Anwendung von Wissen macht die Arbeit bei Ouvertura erfüllend.
Zudem stellt sie fest, dass die konventionelle Landwirtschaft oft auf Subventionen angewiesen ist und die dahinterstehende Arbeit dementsprechend selten wertgeschätzt wird. „Viele Bauern und Bäuerinnen erzählen mir, dass ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird und sich die Subventionen eher wie Almosen anfühlen. Bei Ouvertura sind wir nicht abhängig von Subventionen, und ich glaube, das ist auch extrem wichtig für den Kopf.“
Ein Modell für die Zukunft
Die solidarische Landwirtschaft Ouvertura ist weit mehr als ein landwirtschaftliches Projekt. Sie ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Postwachstum, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit in der Praxis umgesetzt werden können. Barbara, Lorenz und das restliche Team zeigen, dass Landwirtschaft nicht nur Lebensmittel produziert, sondern auch gesellschaftliche Werte wie Solidarität, Wertschätzung und Gerechtigkeit stärken kann.
In einer Welt, die nach alternativen Konzepten sucht, bietet Ouvertura eine überzeugende Antwort: eine Landwirtschaft, die sich nicht nur den Herausforderungen der Zukunft stellt, sondern aktiv daran arbeitet, diese zu gestalten.
Solidarische Landwirtschaften werden nicht größer - sie werden mehr.
weiterführende Informationen:
www.ouvertura.at
https://solawi.life
www.solidarische-landwirtschaft.org
www.munus-stiftung.org
Permakultur
Beispiel Ferme du Bec Hellouin
Permakultur und Degrowth: Wege zu einer nachhaltigen Zukunft
Die Zukunft der Landwirtschaft könnte in einem Konzept liegen, das sich die natürlichen Kreisläufe zum Vorbild nimmt: die Permakultur. Dieses Prinzip, das in den 1970er-Jahren von den Australiern Bill Mollison und David Holmgren geprägt wurde, ist jedoch alles andere als neu. Die Idee, landwirtschaftliche Flächen als naturnahe, resiliente und selbstregulierende Ökosysteme zu gestalten, findet sich seit Jahrtausenden in den Traditionen indigener Völker.
Permakultur ist weit mehr als eine Methode zur Garten- oder Landwirtschaftsgestaltung – sie ist eine Lebensphilosophie, die darauf abzielt, Kreisläufe zu schaffen und natürliche Prozesse zu fördern, statt sie zu unterbrechen.
Das Prinzip der Permakultur lässt sich auf drei zentrale ethische Werte zurückführen: earth care (achtsamer Umgang mit der Erde), people care (achtsamer Umgang mit den Menschen) und fair share (das faire Teilen von Ressourcen). Im Mittelpunkt steht dabei die Idee, dass alle Elemente eines Systems – sei es ein Garten, ein Bauernhof oder gar eine ganze Stadt – in nützlichen Wechselbeziehungen zueinander stehen und sich gegenseitig unterstützen. So entsteht beispielsweise in der Landwirtschaft ein komplexes, aber stabiles Ökosystem, das weniger externe Inputs wie synthetische Dünger oder Pestizide benötigt und langfristig fruchtbar bleibt.
Permakultur bedeutet jedoch nicht, der Natur freien Lauf zu lassen. Vielmehr handelt es sich um eine bewusste Planung und Gestaltung, bei der jedes Element durchdacht positioniert wird und Vieles stets ausprobiert und erprobt werden muss. Ein Teich etwa dient nicht nur der Bewässerung, sondern auch als Lebensraum für nützliche Insekten. Obstbäume liefern Nahrung, spenden Schatten und verhindern Bodenerosion. Pflanzenreste werden kompostiert und als Nährstoffquelle wieder in den Kreislauf zurückgeführt. Ziel ist es, ein System zu schaffen, das sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig ist und dabei den Menschen eine lebenswerte Umgebung bietet.
Die Konzepte Permakultur und Postwachstum ergänzen sich daher auf natürliche Weise, da beide auf nachhaltige, ressourcenschonende und zukunftsorientierte Lösungen abzielen. Beide Konzepte lehnen die Logik des „Immer mehr“ ab und setzen stattdessen auf Suffizienz. Im Kern geht es bei Suffizienz darum, die Frage zu stellen: Wie viel ist genug, um ein gutes Leben zu führen, ohne die ökologischen und sozialen Grundlagen zu gefährden?
Im Gegensatz zu Wachstum und Effizienz, die häufig auf „mehr“ oder „schneller“ setzen, fordert Suffizienz eine Umkehr in unseren Lebensgewohnheiten und Prioritäten. Es geht darum, weniger zu verbrauchen und bewusster zu leben – nicht aus Verzicht, sondern aus Einsicht und dem Streben nach einer besseren Lebensqualität abseits von Konsumzwängen. In der Permakultur spiegelt sich dies in dem Grundsatz wider, kleine und langsame Lösungen zu bevorzugen, die langfristig tragfähig sind. Statt riesige Monokulturen zu bewirtschaften, setzen Permakultur-Landwirt*innen auf komplexere Mischkulturen, die weniger anfällig für Schädlingsbefall sind und zugleich die Biodiversität fördern. Ein weiteres Beispiel ist die Schaffung geschlossener Kreisläufe: so wird beispielsweise Wasser gesammelt und mehrfach genutzt und Energie wird lokal erzeugt. Diese Praktiken sind nicht nur umweltfreundlich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, da sie langfristig Kosten sparen und Abhängigkeiten verringern.
Kritik und Herausforderungen
Trotz ihrer vielen Vorteile ist die Permakultur nicht ohne Herausforderungen und Kritik. Einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte ist der hohe Arbeitsaufwand, den die Umsetzung mit sich bringt. Anders als die stark mechanisierte und chemiegestützte konventionelle Landwirtschaft erfordert die Permakultur ein hohes Maß an manueller Arbeit, Planung und langfristiger Pflege. Dies beginnt bereits bei der Anlegung der Fläche: Jede Permakulturfläche ist ein Unikat und muss individuell auf die lokalen Gegebenheiten wie die Bodenbeschaffenheit, das Klima und die vorhandenen Pflanzen- und Tierarten abgestimmt werden. Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Pflanzen anzubauen, sondern ein komplexes, selbstregulierendes Ökosystem zu schaffen, das auf zahlreichen Wechselwirkungen basiert. Dies erfordert intensive Beobachtung, sorgfältige Planung und die Bereitschaft, auf Rückmeldungen aus der Natur flexibel zu reagieren.
Auch die Pflege der Permakulturflächen ist arbeitsintensiv. Während in der konventionellen Landwirtschaft Maschinen für großflächiges Pflügen, Säen oder Ernten eingesetzt werden, müssen in der Permakultur viele Arbeiten von Hand erledigt werden. Das Mulchen, das Setzen von Mischkulturen oder das Anlegen von Biotopen zur Förderung der Artenvielfalt sind typische Aufgaben, die nicht automatisiert werden können. Hinzu kommt, dass die Entwicklung eines stabilen Permakultursystems Zeit benötigt. Anders als bei Monokulturen, die oft kurzfristige Erträge bringen, zahlt sich die Arbeit in der Permakultur erst über Jahre aus.
Eine weitere Herausforderung ist die Skalierbarkeit der Permakultur. Viele ihrer Prinzipien sind besonders gut auf kleine, kleinteilige Flächen anwendbar. In Gärten, Gemeinschaftsprojekten oder kleinen Höfen lässt sich Permakultur oft erfolgreich umsetzen, da hier die Vielfalt gefördert und individuelle Pflege möglich ist. Doch bei großflächigen Betrieben stößt das Konzept an Grenzen. Die aufwändige Pflege von Mischkulturen und die Komplexität der Planung macht es schwierig, große landwirtschaftliche Flächen effektiv nach Permakulturprinzipien zu bewirtschaften. Auch wenn in der Permakultur eine insgesamt hohe Kaloriendichte durch Mischkulturen erzielt werden kann, ist der Ertrag von Einzelkulturen, wie beispielsweise Weizen, oft geringer als in der konventionellen Landwirtschaft.
Um ein erfolgreiches Permakulturprojekt zu gestalten, sind zudem Kenntnisse in Bereichen wie Ökologie, Bodenkunde, Wassermanagement und nachhaltiger Planung unabdingbar. Dieses Wissen ist nicht immer leicht zugänglich, und es erfordert eine hohe Lernbereitschaft, sich in die komplexen Zusammenhänge der Permakultur einzuarbeiten. Ohne eine entsprechende Ausbildung oder Erfahrung kann es schwierig sein, die verschiedenen Elemente eines Permakultursystems so miteinander zu verbinden, dass sie effektiv zusammenarbeiten und langfristig stabil bleiben.
Trotz dieser Herausforderungen bietet die Permakultur wertvolle Lösungsansätze für die ökologischen und sozialen Probleme unserer Zeit. Doch ihre Umsetzung erfordert eine klare Abwägung zwischen Aufwand und Nutzen sowie die Bereitschaft, alternative Wege in der Landwirtschaft zu denken. Der Erfolg hängt maßgeblich von der Anpassung an die spezifischen Bedingungen vor Ort, der Kreativität bei der Problemlösung und der Unterstützung durch Bildungs- und Förderprogramme ab. Nur so kann die Permakultur über ihren bisherigen Status hinaus wachsen und als nachhaltige Alternative breitere Anwendung finden.
weiterführende Informationen:
https://www.permakultur.de/home
https://www.permakultur-austria-akademie.at
Gampe, Jonas: Letzter Ausweg: Permakultur: So krempeln wir unsere Landwirtschaft um und sichern unser Überleben. Konzepte, Pläne, Hintergrundwissen. Löwenzahn, 2021.
Hervé-Gruyer, Charles: Unser Leben mit Permakultur: Ein Haus, 6.500 Quadratmeter Land in der Normandie, den Kopf voller Träume. Löwenzahn, 2023.
La Ferme du Bec Hellouin
Als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Permakultur gilt die experimentelle Mikrofarm „Ferme du Bec Hellouin“ im Herzen der französischen Normandie, die schon zahlreiche Agrarwissenschaftler*innen weltweit ins Staunen versetzte.
Seit der Jungsteinzeit wurde das Tal von Bec, ein Bach, an dem der Hof liegt, wie auch die angrenzenden Täler, nicht landwirtschaftlich genutzt, da der Boden dort nur sehr wenig hergibt: Eine lediglich etwa zwanzig Zentimeter dicke Schicht fruchtbarer Erde liegt über einer Schicht aus Feuerstein und Kies. Zudem wirkt das Tal als Kaltluftsenke, in die die kalte Luft von den umliegenden Hügeln strömt, sodass es dort häufig bis spät in den Mai hinein zu Frost kommt. Diese Bedingungen sind eigentlich besonders ungünstig für den Gemüseanbau. Dennoch ist es den beiden Quereinsteiger*innen Perrine und Charles Hérve-Gruyer, die den Hof vor über 20 Jahren gründeten, mithilfe der Prinzipien der Permakultur gelungen, ertragreiche Obst-und Gemüsegärten anzulegen.
Der Hof produziert eine beeindruckende Vielfalt an Lebensmitteln und Produkten: von Gemüse und Obst über Apfelsaft, Sirup und Marmeladen bis hin zu Heilpflanzen. Auch Brot gehört zum Sortiment, das direkt im Hofladen erhältlich ist. Die Ferme du Bec Hellouin ist aber weit mehr als ein Ort der Nahrungsmittelproduktion. Sie hat sich über die Jahre auch zu einem Zentrum für Ausbildung und Forschung entwickelt.
Die landwirtschaftlichen Flächen des Hofes sind ein Beispiel dafür, wie sich natürliche Ökosysteme in die Praxis umsetzen lassen. Methoden wie die Agroforstwirtschaft, oder der Einsatz von besonders ökologischer Terra Preta und BRF (holzartiges Häckselgut) sorgen dafür, dass auf kleinstem Raum reichhaltige Erträge erzielt werden können – und das nahezu ohne fossile Brennstoffe. Gleichzeitig trägt der Hof zur ökologischen Vielfalt bei. Inmitten einer Naturschutzzone gelegen, hat sich die Farm zu einer Oase für Pflanzen und Tiere entwickelt. Mit etwa 800 kultivierten Pflanzenarten vereint der Hof ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Effizienz.
Von 2011 bis 2015 war die Farm deshalb sogar Teil eines Forschungsprogramms in Zusammenarbeit mit dem INRA und AgroParisTech. Ziel war es, die sogenannte „Methode der Ferme du Bec Hellouin“ zu modellieren und wissenschaftlich zu untermauern. Die Studie bestätigte nicht nur die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieses Ansatzes, sondern verlieh der Farm auch internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung. Heute gilt die Ferme du Bec Hellouin als Vorreiterin einer Bewegung, die eine alternative, nachhaltige Landwirtschaft in den Mittelpunkt stellt. Sie zeigt, dass ein ressourcenschonendes, produktives Agrarsystem nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig ist, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.
Was die Permakultur für Charles Hervé-Gruyer bedeutet und wie er zu dieser Lebensphilosophie gefunden hat, erzählt er im folgendem Video:
