Arbeitszeitverkürzung und Postwachstum
Barnabás Ács, Mehri Avlyakulova, Vanessa Riegler - Forschungsseminar SS + WS 2025
Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben? Eine alte philosophische Frage, die in aktuellen politischen Debatten über die Gestaltung unserer Arbeitswelt wieder an Bedeutung gewinnt. Während technologische Fortschritte einst mit der Hoffnung auf Entlastung sowie mehr freie Zeit verbunden waren, zeigt sich heute ein widersprüchliches Bild: Trotz wachsender Produktivität arbeiten viele Menschen mehr denn je, während Erwartungen an Wohlstand, Sicherheit und Selbstbestimmung oft unerfüllt bleiben.
Ein zentraler Ansatz, um diesem Widerspruch zu begegnen, ist Arbeitszeitverkürzung (AZV). Sie wird seit Jahrzehnten diskutiert und erprobt, bleibt jedoch eine umkämpfte Strategie – zwischen individuellen Hoffnungen auf eine verbesserte Work-Life-Balance und den strukturellen Realitäten von Leistungsdruck, Einkommensfragen und ungleicher Verteilung entstehen Spannungsfelder, die eine kritische Auseinandersetzung notwendig machen.
In der Postwachstumsdebatte wird AZV nicht als zwingende Konsequenz, sondern als anschlussfähige Strategie verstanden, welche neue Perspektiven auf ein alternatives und weniger ressourcenintensives Leben eröffnet. Verkürzte Arbeitszeiten versprechen nicht nur einen Zugewinn an „Zeitwohlstand“ für die Menschen, sondern könnten durch reduzierte Produktion auch Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung senken, sowie positive Effekte auf Arbeitslosigkeit und Geschlechtergerechtigkeit herbeiführen.
Gleichzeitig ist Arbeitszeitverkürzung kein rein technisches oder theoretisches Konzept, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Ihre Umsetzung hängt von politischen Entscheidungsträger:innen, Machtverhältnissen und sozialen Kämpfen ab. Mit den Zielen, Potenzialen, Grenzen und Herausforderungen von Arbeitszeitverkürzung innerhalb der Postwachstumsdebatte haben wir uns in diesem Projekt auseinandergesetzt und dazu Expert:innen aus dem Feld befragt.
Intro
Vorstellung Expert:innen
Dr. Steffen Liebig
ist Soziologe und wissenschaftlicher Geschäftsführer des SFB „Strukturwandel des Eigentums“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er gilt als Experte für den Zusammenhang von Arbeitszeitverkürzung und Postwachstum aus sozial-ökologischer und gewerkschaftlicher Perspektive. Zu diesem Thema veröffentlichte er 2021 das Buch „Arbeitszeitverkürzung als Konvergenzpunkt?“.
Maja Hoffmann
ist PhD-Studentin an der Wirtschaftsuniversität Wien am Institut für Räumliche und Sozial-Ökologische Transformationen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit ökologischer und postkolonialer Kritik von Arbeit, mit einem Schwerpunkt auf Konzepten wie Post-Work, Degrowth und Post-Development. Darüber hinaus ist sie an der Universität Lund in Schweden aktiv.
Ellen Dalen
ist seit 2018 Vizepräsidentin der Norwegian Civil Service Union (NTL). NTL ist eine Gewerkschaft, die 58.000 Mitglieder im norwegischen öffentlichen Dienst organisiert. Das Gleichgewicht zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist hierbei ein zentraler Bestandteil. Dalen, cand. mag., wurde an der Universität Tromsø und der Universität Oslo ausgebildet. Ihr Kollege Thomas Sandvik nahm auch am Interview teil.
Mascha Schädlich
ist Klimaaktivistin und Bildungsreferentin beim Konzeptwerk Neue Ökonomie. Seit 2022 entwickelt sie dort Bildungs- und Austauschformate zu Postwachstum, Klimagerechtigkeit und sozial-ökologischer Transformation. Ihre Expertise liegt in der Verbindung von Degrowth-Perspektiven mit alternativen Arbeits- und Lebensweisen.
Teil 1: Warum Arbeitszeit-verkürzung?
...und wer profitiert davon?
Der erste thematische Block widmet sich der grundlegenden Frage, warum Arbeitszeitverkürzung angesichts multipler Krisen notwendig ist und welche gesellschaftlichen Gruppen davon profitieren würden. Dabei wird AZV als Umverteilungsmechanismus thematisiert, der insbesondere einkommensschwächeren Gruppen zugutekommt und zugleich mehr Zeit für Sorgearbeit, gesellschaftliche Teilhabe und Regeneration ermöglicht.
Darüber hinaus wird betont, dass AZV ein wichtiger Hebel zur Bewältigung der ökologischen Krise sein kann, sofern sie mit einer Reduktion ökologisch schädlicher Produktionsweisen einhergeht.
Die Beiträge thematisieren zudem Arbeitszeit als Ergebnis fortlaufender gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, machen den Zusammenhang zwischen Arbeitszeit, Stress und Gesundheit sichtbar und werfen die Frage auf, warum Produktivitätsgewinne durch Automatisierung und Digitalisierung bislang kaum in mehr freie Zeit übersetzt wurden.
Teil 2: Umsetzung
Welche Ansätze zur Umsetzung von Arbeitszeitverkürzung gibt es?
Arbeitszeitverkürzung ist also ein vielschichtiges Instrument, das zur individuellen Entlastung beitragen, gesellschaftliche Umverteilungsprozesse anstoßen und als möglicher Hebel im Umgang mit sozialen und ökologischen Krisen dienen kann. Vor diesem Hintergrund stellt sich vor allem die Frage, wie sie konkret umgesetzt werden kann.
Das folgende Video greift diese Frage auf und stellt unterschiedliche Modelle und Ansätze vor, die eine Umsetzung von AZV aus postwachstumstheoretischer Perspektive denkbar machen. Thematisiert werden dabei sowohl konkrete politische und ökonomische Strategien – etwa die schrittweise Zurückdrängung ökologisch schädlicher Produktionsweisen – als auch grundlegendere strukturelle Überlegungen zur Organisation von Arbeit und Versorgung.
Dabei wird deutlich, dass AZV nicht isoliert gedacht werden kann, sondern in einen breiteren Transformationsprozess eingebettet sein muss. Zugleich rücken Fragen nach den Grenzen gesellschaftlichen Wandels in den Mittelpunkt: Soll er innerhalb der bestehenden Systemlogiken konzipiert werden oder über diese hinausweisen?
Teil 3: Kritik & Herausforderungen
Mit welchen Kritiken
und Herausforderungen ist AZV konfrontiert?
Welche Lösungen bietet der Postwachstumsansatz?
Trotz der breit diskutierten Potenziale steht der Vorschlag einer umfassenden Arbeitszeitverkürzung weiterhin in der Kritik. Zentrale Fragen betreffen unter anderem die Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, sowie die finanzielle Tragfähigkeit einer solchen Umstellung.
Der dritte Themenblock greift diese Einwände auf und behandelt zentrale Herausforderungen und Interessenkonflikte, die bei der Umsetzung einer AZV berücksichtigt werden müssen. Dabei beleuchten die Expert:innen sowohl ökonomische als auch institutionelle und gesellschaftliche Grenzen des Konzepts.
Ergänzend werden mögliche Lösungsansätze zur Bewältigung einzelner Herausforderungen diskutiert, und verbreitete Kritikpunkte auf Grundlage empirischer Forschung sowie praktischer Experimente kritisch beleuchtet.
Teil 4: Rolle der Gewerkschaften
Welche Rolle spielen Gewerkschaften und andere Akteure bei der Umsetzung von AZV?
Bisher wurden verschiedene Umsetzungsstrategien sowie damit verbundene Herausforderungen und Kritikpunkte diskutiert. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Akteur:innen die Umsetzung von Arbeitszeitverkürzung vorantreiben können.
In diesem Video wird beleuchtet, wie Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Wissenschaftlicher:innen die Zukunft der Arbeit mitgestalten und wo sie dabei auf Grenzen stoßen. Gewerkschaften werden von den Expert:innen teils als historisch wichtige Akteur:innen bei der Aushandlung von AZV gesehen, während andere sie eher als vorsichtig agierend wahrnehmen. Parallel dazu setzen bestimmte NGOs, lokal verankerte Bündnisse und internationale Netzwerke ambitioniertere Modelle auf ihre Agenda, wie etwa die Vier-Tage-Woche oder sogar den Vier-Stunden-Tag.
Im Zentrum der Diskussion steht das Dilemma, inwieweit eine engere Kooperation zwischen Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Initiativen und wissenschaftlicher Forschung dazu beitragen könnte, Arbeit sozial gerecht und ökologisch nachhaltig zu gestalten.
Teil 5: Ausblick
Welche aktuellen Entwicklungen prägen die AZV?
Welche gesellschaftlichen Impulse folgen daraus?
Der letzte thematische Block richtet den Blick auf die aktuellen Perspektiven der Arbeitszeitverkürzung und darauf, welche gesellschaftlichen Veränderungsimpulse sich daraus ableiten lassen. Dabei wird Arbeitszeit als zentrales Feld gesellschaftlicher Aushandlung verstanden, vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen, die auf eine zeitliche Ausweitung von Arbeit hindeuten.
Zudem wird eine globale Perspektive eröffnet: Trotz verbreiteter Argumente, wonach tiefgreifende sozialökologische Transformationen internationale Wettbewerbsnachteile mit sich bringen könnten, wird hervorgehoben, dass wirtschaftlich starke Industrieländer weiterhin über erheblichen Handlungsspielraum verfügen, den sie nutzen könnten, um zu einer gerechteren globalen Ordnung beizutragen.
Ergänzend macht ein Generationenvergleich sichtbar, dass wachstumsorientierte Leitbilder wie Vollbeschäftigung und wirtschaftliches Wachstum für ältere Generationen weiterhin prägend sind, während jüngere Menschen die strukturellen Grenzen dieser Modelle zunehmend erkennen, auf deren Grundlage neue gesellschaftliche Ansätze notwendig werden. Abschließend wird auf grundlegende Fragen gesellschaftlicher Reproduktion verwiesen: Welche Tätigkeiten braucht eine Gesellschaft tatsächlich, welche Arbeiten sind unverzichtbar, und wie lässt sich Arbeit neu denken?
Quellenverzeichnis
Gorz, A. (1994). Capitalism, Socialism, Ecology. New York, NY: Verso.
Gunderson, R. (2019). Work time reduction and economic democracy as climate change mitigation strategies: or why the climate needs a renewed labor movement.
Konzeptwerk Neue Ökonomie e. V. (2023). Für die 4-Tage-Woche und ein gutes Leben für alle: Kollektive Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden als Baustein einer sozial-ökologischen Transformation. Konzeptwerk Neue Ökonomie.
Zimpelmann, B. (2020). Zeitwohlstand durch Arbeitszeitverkürzung – Impulse für den
sozialökologischen Umbau. In M. Panschar, A. Slopinski, F. Berding & K. Rebmann (Hg.),
Zukunftsmodell: Nachhaltiges Wirtschaften (S. 157–171). wbv